Publikation Weiß auf Schwarz - Geschichte von Ungleichheit und Rassismus!

Unter dem Titel „Weiß auf Schwarz – Geschichte von Ungleichheit und Rassismus" publizierte Radio Flora im Jahr 2020 eine Reihe unterschiedlicher Radiobeiträge. Die Radiosendungen sind als Podcasts beim Radio Flora zu hören. Alle Sendungen werden im Mai 2021 nochmal zusammen in einem Sonderprogramm vorgestellt.

Information

Sämtliche Sendungen im Livestream, Mai 2021 - ein Projekt von Radio Flora -

Programm:

Montag, 3. Mai: 16-17 Uhr:
Sklavenhandel - über die Ursachen von Rassismus und Reichtum


Die Menschen lagen dichtgedrängt in niedrigen Decks, in denen sie angekettet waren. Der Handel mit afrikanischen Sklaven und deren Verschiffung nach Amerika, wo sie auf den neu entstandenen Plantagen ge- und verbraucht wurden, legte die Grundlage für die Industrialisierung Europas. Im Radiofeature werden die historischen Hintergründe des atlantischen Dreieckshandels beleuchtet. Nicht nur die großen Kolonialmächte England, Spanien, Frankreich, Portugal und die Niederlande profitierten vom Raub afrikanischer Arbeitskräfte, auch deutsche Handelshäuser und Landesfürsten bereicherten sich am Menschenhandel. Und auch mancher norddeutsche Seemann heuerte auf Sklavenschiffen an, in der Hoffnung dem alltäglichen Elend zu entkommen. Für die verschleppten Afrikanerinnen und Afrikaner bedeutete das Leben auf den Sklavenschiffen und die Plackerei auf den Plantagen eine endlose Folge von Gewalt und Horror. Autor: Hubert Brieden / Sprecher*innen: Awa Naghipour, Axel Kleinecke, Hubert Brieden / Musik: Moritz Dortmund Produktion: Radio Flora (Redaktion International), Arbeitskreis Regionalgeschichte Hannover / Neustadt a. Rbge. 2020

Montag, 3. Mai: 17-18 Uhr:
1. Polens vergessene koloniale Vergangenheit Kolonisator Jakob Kettler


2015 kamen nach Europa Tausende von Flüchtlingen. Große Aufmerksamkeit zog damals Polen auf sich, indem es die Aufnahme von neu Hinzukommenden kategorisch ablehnte. Polen sah vor allem in den endlos langen Flüchtlingsströmen das Resultat der Kolonialpolitik im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Ländern wie Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Großbritannien etc. Nach der Argumentation der Polen sollten die Länder, die in der Vergangenheit verantwortlich für diese Kolonialpolitik waren, diese Verantwortung auch heute übernehmen und somit ihre Vergangenheit aufarbeiten. Jedoch scheint diese Argumentation nur dann stichhaltig, wenn man selbst keinerlei kolonialistische Politik betrieben hat. Diese Radiosendung setzt sich mit der Frage auseinander, inwieweit die verbreitete Annahme, das damalige polnisch-litauische Doppelreich und später die Zweite Polnische Republik hätten mit Kolonialismus nichts zu tun gehabt, historisch belegbar ist. Recherche: Sophie Delest Text: Dr. Andreas Moser Sprecher*innen: Sophie Delest & Dr. Andreas Moser

2. War Kolonialismus tatsächlich so profitabel, wie man denkt?

Maschinen für die Kolonien, Werbung 1925 In unserer letzten Radiosendung haben wir uns mit der Geschichte der Kolonisierung beschäftigt, einem Thema, das gegenwärtig von großer Relevanz ist, da viele Länder ihre Kolonisationsgeschichte versuchen aufzuarbeiten. Dass diese Aufarbeitung unter moralischen und ethischen Gesichtspunkten geschieht, ist selbstverständlich. Man kann jedoch auch die Frage stellen, ob den Kolonisatoren selbst so große Vorteile aus ihrer Kolonialpolitik erwuchsen, wie dies häufig angenommen wird. Deshalb wollen wir uns heute der Frage widmen, was die Kolonisierung denn eigentlich den Kolonisatoren gebracht hat. Recherche: Sophie Delest Text & Sprecher: Dr. Andreas Moser

Dienstag, 4. Mai: 16-17 Uhr
1. Der Kolonialismus und der Holocaust Spuren des Kolonialismus in der Region Hannover


Manche postkolonialistischen Denker*innen sind der Überzeugung, dass der Holocaust geistesgeschichtlich aus der Ideologie des Kolonialismus ableitbar ist. In Deutschland jedoch gilt das In-Abrede-Stellen der absoluten Singularität des Holocausts als dessen unzulässige Relativierung. Die daraus entstandende Debatte wird schon mal als „Historikerstreit 2.0“ bezeichnet. In diesem Beitrag erhält das Konzept der multidirektionalen Erinnerungskultur einen breiten Raum. Dieser geht davon aus, dass es wohl möglich ist, an verschiedene historische Unrechtstatbestände zu erinnern, ohne dem Gedenken an bestimmte andere Unrechtstatbestände etwas wegzunehmen. Autor: Chris Carlson Produktion: Radio Flora (Attac Magazin – Eine andere Welt ist möglich), Hannover 2021

2. Die Berliner Konferenz von 1885  

Im Jahre 1885 begannen die europäischen Mächte, sich Interessensgebiete in Afrika abzustecken. Sie zogen willkürliche Grenzen durch präexistente Stammesgebiete und zwangen miteinander verfeindete Stämme zum Zusammenleben in ein und derselben Kolonie. Sie nahmen keinerlei Rücksicht auf die Interessen, Wünsche oder Rechte der indigenen Völker dort. Auch heute hört man teilweise die Rechtfertigungsideologie, derzufolge damals in Afrika keine Staatlichkeit im europäischen Sinne vorhanden war, weshalb man Afrika als herrenloses Gebiet ansehen durfte. Ein Recht der afrikanischen Menschen auf eigene Formen des Zusammenlebens und Wirtschaftens wurde schlichtweg verneint. Autor: Chris Carlson Produktion: Radio Flora (Attac Magazin – Eine andere Welt ist möglich), Hannover 2021

Mittwoch, 5. Mai: 16-17 Uhr:
„… der Hauptcanal, durch welchen spanisches Gold und Silber in unsere Gassen fließt.“
 Leinen aus Norddeutschland für Sklaven in Amerika


In vielen Teilen Deutschlands wurde in früheren Jahrhunderten Flachs angebaut, um daraus Leinengarn zu spinnen und Stoff zu weben. Besonders der arme Teil der Landbevölkerung, deren Landbesitz nicht ausreichte, um davon leben zu können, war auf die Leinenproduktion angewiesen. Obwohl der Anbau von Flachs, dessen mühselige Weiterverarbeitung, das Spinnen von Garn und das Weben der Tuche innerhalb der kleinbäuerlichen Familien in Heimarbeit erfolgte, wurde das Leinen bereits für den Weltmarkt produziert. Leggen überprüften und zertifizierten die Qualität des Leinens, was den Druck auf die kleinbäuerlichen Produzenten steigerte und gleichzeitig den internationalen Absatz des norddeutschen Leinens beflügelte. Ein Großteil des Leinens kam auf diese Weise auch in die spanischen, englischen, portugiesischen und holländischen Kolonien, wo es nicht zuletzt für die Kleidung der Plantagensklaven verwendet wurde. Edelmetalle aus den Kolonien fanden im Gegenzug ihren Weg in die Kontore von Kaufleuten und Handelshäusern, Kapital mit dem die Industrialisierung in Europa finanziert werden konnte. Die Erfindung mechanischer Spinn- und Webmaschinen und die Nutzung der durch Sklavenarbeit gewonnenen billigeren Baumwolle ruinierten schließlich die norddeutschen Weberfamilien. Recherche und Text: Hubert Brieden Sprech*innen: Awa Naghipour, Barbara Bauman, Gabriele Schwartz-Kleinecke, Axel Kleinecke und der Autor Produktion: Radio Flora (Redaktion International), Arbeitskreis Regionalgeschichte Hannover 2020

Donnerstag, 6. Mai: 16-17 Uhr:
1. Kolonialismus und christliche Missionierung


Die „fruchtbare“ Zusammenarbeit von europäischen Kolonisten und christlichen Missionaren datiert weit zurück ins hohe Mittelalter. Gleichwohl assoziieren die meisten diese Kollaboration mit der Blütezeit der Kolonisierung großer Teile der Welt durch die europäischen Mächte von ca. 1880 bis 1914. Eine tour d’horizon dieser gemeinsamen Geschichte. Autor: Chris Carlson Produktion: Radio Flora (Attac Magazin – Eine andere Welt ist möglich), Hannover 2020

2. Kolonialismus und Raubkunst

Neben Rohstoffen und Arbeitskräften raubten die europäischen Kolonisten auch Kunst, die sie gleichzeitig als „primitiv“ diskriminierten. Sammelbild aus „Deutsche Kolonien“, 1936. Kolonialismus ähnelt dem Krieg in vielerlei Hinsicht, auch insoweit, als dass Beute gemacht wird. Landnahme, Aneignung wertvoller Rohstoffe und Kunstobjekte gehören zu beiden dazu. Mit dem zunehmenden Bewusstsein bei den ehemaligen Kolonialherren, dass der Kolonialismus schweres Unrecht war, ist auch das Bewusstsein dafür gestiegen, dass geraubte Kunst, Kultgegenstände und andere Kulturgüter zurückzugeben sind. Damit jedoch alle Stakeholder im Geiste eines gedeihlichen Miteinanders zusammenkommen, sollte man über Konzepte wie „culture sharing“ nachdenken. Neben der Restitution eines großen Teils indigener Kunst – bei einem einvernehmlichen Verbleib einzelner Objekte zu pädagogischen Zwecken im Westen – geht es dabei darum, Wege und Mittel zu finden, wie die ehemaligen Kolonialvölker uns ihre Geschichten in ihren eigenen Worten erzählen können. Autor: Chris Carlson Produktion: Radio Flora (Attac Magazin – Eine andere Welt ist möglich), Hannover 2020

Freitag, 7. Mai: 16-17 Uhr:
Dr. Dietrich Redeker: Vom Fachjournalisten für Rassenfragen zum Heimatschriftsteller

In seiner Geburtsstadt Neustadt am Rübenberge (Region Hannover) ist Dr. Dietrich Redeker als Heimatschriftsteller, Mitverfasser der Stadtchronik, Journalist der Leine-Zeitung und der Neuen Presse und als Kommunalpolitiker hoch geehrt – ein Vorbild für die junge Generation. Nicht zufällig trägt ein Weg, der zum Gymnasium führt, seinen Namen. Bevor er nach dem Zweiten Weltkrieg zum Heimatschriftsteller avancierte, trat er 1930 der NSDAP bei und schrieb 1937 in Berlin seine Doktorarbeit über die koloniale deutschsprachige Presse in Deutsch-Ostafrika. „Der Neger“, meinte er, müsse durch Prügel zur Arbeit und zum Gehorsam erzogen werden. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen schrieb er für die deutschsprachige „Krakauer Zeitung“ wüste antisemitische Artikel und rechtfertigte die Gewaltmaßnahmen gegen die polnischen Juden. Die Folge: Der polnische Widerstand wurde auf Redeker aufmerksam … Nach dem Kriege schwiegen die Täter und kümmerten sich um die Heimatgeschichte, in der die NSVergangenheit ausgespart blieb. Vom Vorleben des Heimatschriftstellers ist in Neustadt bis heute nichts bekannt und die Folgen des jahrzehntelangen Schweigens sind immer noch zu spüren. Im Radiofeature wird exemplarisch an der Person Redeker beschrieben, wie Kolonialrassismus und Antisemitismus miteinander verschmelzen können. Gleichzeitig werden die grundlegenden Unterschiede zwischen beiden Ideologien herausgearbeitet. Autor: Hubert Brieden Sprecher*innen: Barbara Baumann, Helge Kister und der Autor Produktion: Arbeitskreis Regionalgeschichte / Radio Flora (Redaktion International) Hannover 2020 Das Feature basiert auf einer umfangreicheren gleichnamigen Studie, die für den Arbeitskreis Regionalgeschichte im Rahmen des Projektes „NS-Täter in Neustadt a. Rbge.“ angefertigt wurde.

Samstag, 8. Mai: 15-16 Uhr:
Der Baum, der Gummi weint
Kautschuk für Hannover, Zentrum der deutschen Gummiindustrie

Mit der Ausweitung der Produktion von Gummiwaren Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Rohstoffnachfrage. Auf dem Kautschukmarkt kam es zu sprunghaften Preissteigerungen. Deutschland war 1910 nach den USA und England der drittgrößte Kautschukverbraucher. Produziert wurden Reifen, Bälle, Hygieneartikel, Keilriemen und vieles mehr. Noch hatte der Plantagenkautschuk den Naturkautschuk nicht abgelöst. Continental Hannover, eine der wichtigsten Firmen der Gummiindustrie hatte schon Ende des 19. Jahrhunderts versucht, sich durch Direkteinkäufe in Brasilien und den selbst organisierten Transport auf eigenen Amazonasdampfern vom Zwischenhandel unabhängig zu machen. Dieser Versuch scheiterte. Zehn Jahre später beteiligte sich die Conti an einer deutschen Kautschuk-Einkaufsgesellschaft, die den wertvollen Rohstoff in Südamerika, im Kongo und in den deutschen Kolonien besorgte. Der Kautschukboom brachte Sammlern und Ureinwohnern in den Rohstoffländern mörderische Arbeitsbedingungen. Zwangsarbeit, Sklaverei, Vergewaltigung, Folter, Tod und Massaker. In Brasilien starben bis zu einer halben Million Kautschuksammler, in Peru mindestens 50 000 Indigene. Im Kongo wurden 20 Millionen Menschen versklavt, Zehntausende Menschen starben im Zuge der Kautschukgewinnung. In deutschen Kolonien wurden die Menschen zum Kautschuksammeln geprügelt. Bald sprach man nur noch von „Blutgummi“. Autor: Hubert Brieden / Sprecher*innen: Barbara Baumann, Gabriele Schwartz-Kleinecke, Axel Kleinecke / Musik: Moritz Dortmund, Scarafone Produktion: Radio Flora (Redaktion International), Arbeitskreis Regionalgeschichte Hannover / Neustadt a. Rbge. 2020

Montag, 10. Mai: 16-17 Uhr:
Ein heikles Erbe
Koloniales Sammlungsgut im Landesmuseum Hannover (Teil 1)

Im Rahmen des Radioprojektes „Weiß auf Schwarz – Geschichte von Ungleichheit und Rassismus“ geht es in dieser Sendung um die Unzahl der während der Kolonialzeit in den Kolonien in deutschen Besitz gebrachten Kult- und Kunstobjekte, aber auch Waffen, Trophäen und Alltagsgegenstände, von denen eine große Anzahl auch im Landesmuseum Hannover aufbewahrt wird und die in unterschiedlichen Ausstellungen ausgestellt wurden. In den Archiven des Landesmuseums Hannover lagern gut 22.000 Objekte verschiedenster Art aus ehemaligen deutschen Kolonien. In anderen Museen noch Hunderttausende weitere. Der Umgang mit diesem riesigen Sammlungsgut aus kolonialem Kontexten ist nicht immer unproblematisch, denn, was sich vor einem Jahrhundert weiße Kolonisten und Militärs von den indigenen Einwohnern den sogenannten Primitiven, einfach nehmen konnten, sei es geraubt, erworben oder auch geschenkt, hat lange Zeit, wenn es in deutschen Museen in kolonialem Geist ausgestellt wurde, die Gefühle und die Würde der Nachfahren in den Herkunftsländern verletzt und bei uns noch lange rassistische Ressentiments gegen die „unzivilisierten Wilden“ in der dritten Welt bestärkt. Zudem sind in den Sammlungen auch Kultobjekte enthalten, die zurückgegeben werden müssen oder, wenn sie bei uns verbleiben dürfen, zumindest nicht ohne ihren kulturellen Kontext öffentlich zur Schau gestellt werden sollten. Erst in den letzten Jahrzehnten hat ein Umdenken in der Bevölkerung wie in der Wissenschaft zu einem veränderten Blick auf dieses koloniale Sammlungsgut geführt, das nun endlich respektvoll nicht mehr als Studienobjekt zur Untersuchung niederer Kulturen angesehen und untersucht wird, sondern endlich als das, was es im seinem richtigen Kontext sein kann, nämlich bewundernswertes Zeugnis der Vielfalt menschlicher Kulturen. Wenn heute mit den Nachfahren der unterdrückten indigenen Bevölkerung in den damaligen Kolonien auf Augenhöhe an diesen Objekten geforscht und über sie verhandelt wird, so ist das auch ein Verdienst der jahrelangen Arbeit in der Provenienzforschung von Dr. Claudia Andratschke am Landesmuseum Hannover, mit der wir in dieser ersten Sendung zu dem Thema ein Gespräch über den kolonialen Ursprung des Sammlungsgutes und die Veränderungen im Umgangs mit den manchmal auch heiklen Objekten führen. Autor: Axel Kleinecke Produktion: Radio Flora (Redaktion International), Hannover 2020

Montag, 10. Mai: 17-18 Uhr:
Ein heikles Erbe
Koloniales Sammlungsgut im Landesmuseum Hannover (Teil 2)


Diese zweite Sendung zum Thema des kolonialen Sammlungsgutes im Landesmuseum nimmt die Thematik mit einer anderen Gesprächspartnerin noch einmal an konkreten Beispielen wieder auf. Die Ethnologin Bianca Baumann berichtet von ihren Forschungen über den Erwerb der Objekte von den in Kamerun vorgefundenen indigenen Kulturen am Beispiel des hannoverschen Kolonialoffiziers Wilko von Freese, der alleine zur Sammlung des Museums mit etwa 150 Objekten beigetragen hat. Die unterschiedlichen Wege des Erwerbs von Kunst- und Kultobjekten sowie auch Alltagsgegenständen sind nicht immer klar. Dabei spielten sowohl zivile als auch militärische Kontakte, etwa bei Strafexpeditionen, eine Rolle, und Tausch, käuflicher Erwerb und Schenkung oder auch Raub waren eine breite Bandbreite der Möglichkeiten. Im zweiten Teil des Gesprächs geht es um ein spezielles Kultobjekt aus der Sammlung von Wilko von Freese, eine Königsstatue aus Kamerun, an deren Beispiel Frau Baumann die wechselhafte Präsentationsund Interpretationsgeschichte solcher Sammlungsobjekte kolonialer Herkunft im Verlauf des 20. Jahrhunderts und bis heute deutlich macht. In der Art der Präsentation solcher Exponate spiegelt sich die Haltung der zeitgenössischen Gesellschaft zur kolonialen Bevölkerung wieder, von rassistischer Diskriminierung und überheblicher Arroganz auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu heutigen gemeinsamen Forschungen mit Wissenschaftler*innen aus den Herkunftsländern auf Augenhöhe, an denen Frau Baumann als Ethnologin beteiligt war. Autor: Axel Kleinecke Produktion: Radio Flora (Redaktion International), Hannover 2020 *

Dienstag, 11. Mai: 16-17 Uhr:
Die besondere Form des Kolonialismus und der Einflussnahme ausländischer Mächte im Iran
Ein historischer Rückblick

Ab dem 18. Jahrhundert versuchten Frankreich, Großbritannien, Russland, Deutschland und die Türkei, die sich zu mächtigen Militär- und Handelsmächten entwickelt hatten, ihre Einflussgebiete zu erweitern. Der zu dieser Zeit bereits geschwächte Iran litt unter einer korrupten Herrschaft. Für die Kolonialmächte war dies eine günstige Gelegenheit auf das Land und seine Rohstoffe zuzugreifen.Hossein Naghipour versucht im Gespräch mit Bagher Bagha die historischen Hintergründe auszuleuchten. Bagher Bagha ist Diplom-Volkswirt und Diplom-Betriebswirtschaftler. Seine Arbeitsschwerpunkte: Wirtschaftspolitik, bürgerliche Rechte, Entwicklungspolitik, Finanzen und Investitionen in der sogenannten „Dritten Welt“. Seine Diplomarbeit schrieb er über das Thema: „2500 Jahre Eigentum an Grund und Boden in Iran“. Seine Doktorarbeit verfasste er über Engpässe und Infrastrukturen nach dem Zweiten Weltkrieg. Deutschland hat zwar nie eine direkte Kolonialherrschaft im Iran ausgeübt, dennoch haben deutsche Firmen mit Wissen und Unterstützung der deutschen Regierung auf vergleichbare Weise zur wirtschaftlichen und politischen Zerstörung der Region beigetragen. Als Beispiele seien hier vor allem genannt: der Verkauf von Giftgas an den Irak während des Iran-Irak Krieges, von Rüstungsgütern, Folterwerkzeugen und von Abhörtechnik an den Iran. Während meiner Recherchen zum Thema „Kolonialismus in Iran“ bin ich auf einen anklagenden Brief einer Schülerin aus Hannover an den Bundespräsidenten Weizsäcker aus dem Jahr 1988 gestoßen.Diesen Brief möchte ich Euch, liebe Zuhörenden, nicht vorenthalten: – Brief von L. Ahmadi, gelesen von Armaghan Naghipour: Autor: Hossein Naghipour Produktion: Radio Flora (Redaktion International und AWA, der Sendung in persischer Sprache) Hannover 2021

Mittwoch, 12. Mai: 16-17 Uhr:
Auswanderer, Flüchtlinge und „Herrenmenschen“

Von 1800 – 1914 verließen 5,5 Millionen Menschen Deutschland, um sich auf Dauer in Übersee anzusiedeln. Sie flohen vor der wirtschaftlichen Misere und den repressiven politischen Zuständen und versuchten in der „Neuen Welt“ auch ein neues Leben und ihr Glück zu finden. Doch in der „Neuen Welt“ lebten bereits Menschen, die nun von europäischen Einwanderern bekämpft, unterdrückt und ausgerottet wurden. Viele der Migranten aus Europa fühlten sich gegenüber den Einheimischen als „Herrenmenschen“, deren Aufgabe es sei, „die Wilden“ zu christianisieren und zu zivilisieren, was bedeutete, sie zur Arbeit für die Weißen zu erziehen. Aber angefangen hatte alles schon viel früher. Bereits wenige Jahre nach der „Entdeckung“ Amerikas durch Kolumbus, versuchten deutsche Handelshäuser und Fürsten sich ein Stück vom kolonialen Kuchen abzuschneiden. Autor: Hubert Brieden / Sprecher*innen: Awa Naghipour, Gabriele Schwartz-Kleinecke, Axel Kleinecke / Musik: Moritz Dortmund, Scarafone Produktion: Radio Flora (Redaktion International), Arbeitskreis Regionalgeschichte Hannover / Neustadt a. Rbge. 2020

Donnerstag, 13. Mai: 16-17 Uhr:
1. Das Frenssenufer in Hannover – ein Relikt kolonialistischen Rassendünkels

In Hannover ist eine Straße nach dem Schriftsteller Gustav Frenssen benannt, der im Kaiserreich den Kolonialismus verherrlicht und die in den Kolonien lebenden indigenen Völker auf übelste rassistische Weise verunglimpft und herabgesetzt hat. Folgerichtig war Frenssen dann auch später in der Nazi-Zeit ein glühender Apologet und Propagandist des NS-Regimes. Ein von der Landeshauptstadt Hannover eingesetzter wissenschaftlicher Beirat hat deshalb 2018 die Umbenennung des Frenssenufers dringend empfohlen. Bis heute ist das nicht passiert. Autor: Chris Carlson Produktion: Radio Flora (Attac Magazin – Eine andere Welt ist möglich) Hannover 2020  

2. Achille Mbembe und der Postkolonialismus

Achille Mbembe ist Philosoph und Historiker aus Kamerun. In seinem umfangreichen Oeuvre hat er sich sehr intensiv mit Fragen des Kolonialismus und des Postkolonialismus befasst. Mbembe ist ein prominenter Vertreter der Richtung des Afropolitanismus, eine Art Fortschreibung des früheren Panafrikanismus aus den 1950er und 1960er Jahren. Er ist in Europa durchaus kontrovers – gerade deshalb tun wir Europäer*innen gut daran, uns mit seinen Ideen auseinanderzusetzen besonders dann, wenn wir unser eigenes kolonialistisches Erbe überwinden wollen. Autor: Chris Carlson Produktion: Radio Flora (Attac Magazin – Eine andere Welt ist möglich), Hannover 2020

Montag, 17. Mai: 16-17 Uhr:
 „… als wären wir wilde Tiere“
Völkerschauen (nicht nur) im Zoo Hannover

Menschen aus Neukaledonien mussten „Menschenfresser“ spielen. Im Hintergrund das gaffende Publikum Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Zoologischen Gärten neben exotischen Tieren auch Menschen ausgestellt, die zuvor von den „Weißen“ als primitiv und minderwertig definiert worden waren. Größter deutsche Tierimporteur war Hagenbeck aus Hamburg. Als seine Tierschauen nicht mehr so gut liefen, ergänzte er sie durch Völkerschauen. Im Juli 1878 gastierte Hagenbeck mit Hindus aus Ostindien erstmals im hannoverschen Zoo. Der Erfolg war überwältigend, so dass weitere Völkerschauen aus anderen Erdteilen im Zoo gastierten. Tausende von Menschen strömten in den Zoo, um die „Exoten“ und vermeintlichen „Wilden“ in eigens gebauten Dörfern zu begaffen. Die Organisatoren dieser Spektakel wiesen die ausgestellten Menschen an, Menschenfresser und Wilde zu spielen, und bestätigten und verstetigten damit die Vorurteile des „weißen“ Publikums. Gleichzeitig wurde demonstriert, dass Europäer das Recht hatten, über Rohstoffe und jegliches – auch menschliches – Leben in den Kolonien nach Belieben zu verfügen. Erst 1932 fand vorerst die letzte Völkerschau im Zoo Hannover statt. Doch pünktlich zur EXPO im Jahr 2000 wurde im hannoverschen Zoo wieder eine „afrikanische“ Flusslandschaft mit Handelsstation gebaut, zu deren Eröffnung dunkelhäutige Menschen für ein „weißes“ Publikum trommeln durften. Autor: Hubert Brieden Sprecher*innen: Barbara Baumann, Helge Kister, der Autor, Schlagzeug: Moritz Dortmund Produktion: Radio Flora (Redaktion International), Arbeitskreis Regionalgeschichte, Hannover 2020

Mittwoch, 19. Mai: 20-22 Uhr
Neokoloniale Ausbeutung und Fluchtursachen am Beispiel Afrikas

Im Rahmen des Radioprojektes von radio flora „Weiß auf Schwarz – Geschichte von Ungleichheit und Rassismus “ nehmen wir heute eine Sendung aus dem Jahr 2018 wieder auf, in der unter dem Thema „Fluchtursachen“ die aktuelle wirtschaftliche Situation von Ländern Afrikas beleuchtet und an einzelnen Beispielen verdeutlicht wird. In einem Gespräch mit dem Afrikaexperten Professor Asche wird deutlich, in welcher wirtschaftlichen Unselbständigkeit sich die Länder Afrikas noch heute befinden und wie sie in dieser postkolonialen Abhängigkeit gehalten werden. Durch die globale und besonders auch die europäische Wirtschaftspolitik werden mit Knebelverträgen und billigen Industrieprodukten Abhängigkeiten bewusst geschaffen und festgeschrieben, um diesen an Ressourcen so reichen Kontinent weiterhin ungehindert ausbeuten zu können. Landgrabbing und industrielle Küstenüberfischung tragen ebenso dazu bei wie eine internationale Handelspolitik, die mit industriellen Billigprodukten und Knebelverträgen die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas verhindert und bestehende Ansätze wieder zerstört. So unterdrücken auch heute noch die Industrieländer des weißen Mannes mit ihrer neokolonialen Wirtschaftspolitik noch immer die farbige Bevölkerung in früheren Kolonialgebieten in Afrika und anderswo in der Welt. Völkerrechtlich ist die die frühere rassistische Diskriminierung heute zwar aufgehoben, defakto besteht sie aber in verdeckter Form mit der wirtschaftlichen Ausbeutung von Menschen und Ressourcen weiter und sie ist mit ihren katastrophalen Auswirkungen durchaus mit der damaligen Brutalität vergleichbar. Von unserer politischen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt und auch von der Strahlkraft populärer Entwicklungshilfeprojekte vernebelt ist diese neue Form der postkolonialen Diskriminierung bis hin zur Existenzvernichtung großer Teile der Bevölkerung auch der Grund, warum so viele Menschen in Afrika neben politischen Gründen auch aus existenzieller Not zu Flüchtlingen werden. Existenzprobleme als Folge neokolonialistischer Wirtschaftspolitik sind Fluchtursachen, dies zeigt Helmut Asche an afrikanischen Beispielen. Autor: Axel Kleinecke

Mit Ausnahme der Musiksendungen sind die Beiträge hier als Podcasts nachzuhören: https://radioflora.de/weiss-auf-schwarz-geschichte-von-ungleichheit-und-rassismus-ein-radioprojekt/  

Das Radioprojekt "Weiß auf Schwarz" fand statt in Kooperation mit de,Arbeitskreis Regionalgeschichte, Bildungswerk ver.di, Kerstin Faust, Radio Flora sowie der Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen

: