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Katholikentage wie auch Kirchentage sind große gesellschaftspolitische Events der aktiven Zivilgesellschaft über die Kirchen hinaus, bei denen es um die konkrete Situation in den Kirchen in der heutigen Gesellschaft und in den heutigen Auseinandersetzungen geht und um die gesellschaftspolitische Verortung der Kirchen selbst. Es sind also auch Orte der politischen innerkirchlichen Auseinandersetzungen. Allerdings wurden auf den Evangelischen Kirchentagen der letzten Jahre unbequeme gesellschaftskritische Fragen wie zur Friedens- und Sicherheitspolitik zunehmend aus den Kirchentagen herausgedrängt – so nicht auf dem Katholikentag 2026.
Der Katholikentag in Würzburg 2026
In unsicheren Zeiten erhielt der Katholikentag, der sich selbstbewusst das Motto gab „Hab Mut, steh auf“, ein neues politisches wie auch geistliches Gewicht mit Blick auf die Reformprozesse der Kirche, Erneuerung und Aufarbeitung des Missbrauchs. Das Motto dieses Katholikentags war aufs Handeln ausgelegt, darauf, der Ohnmacht etwas (Widerständiges) entgegenzusetzen. ZdK-Präsidentin Imre Stetter-Karp verband dieses Motto mit dem Anliegen, Mut zu machen, die Menschenwürde zu verteidigen. „Wir stellen uns gegen Hass und Hetze, die das Klima in unserem Land zu vergiften drohen. Es ist christliches Profil, wenn wir sagen: Nicht mit uns!“ Hierzu gehört die Erklärung der Deutsche Bischofskonferenz vom Februar 2024 nach der „Völkischer Nationalismus und Christentum unvereinbar“ sind. AfD ist deshalb auch auf Katholikentagen verboten. Auch deshalb verurteilte erstmalig in einem Wahlprogramm die AfD die Amtskirchen und forderte sie auf, ihre „willkürliche und unverständige Verachtung gegenüber der AfD zu überwinden. Die Kirchen sollten sich aus operativ-politischen Fragen heraushalten.“(3)
Gerade das war nicht das Anliegen dieses Katholikentags 2026, der zu den „politischsten“ Katholikentagen(4) zählte. Die Kirche müsse – so Heiner Wilmer, Vorsitzender der Bischofskonferenz – die Brandherde dieser Welt löschen. Er verwies auf die Situation im Sudan und er beschrieb Papst Leo XIV als einen unerschrockenen „Anwalt des Friedens", auch wenn Mächtige versuchen, ihn lächerlich zu machen.(5) Sätze wie diese trugen diesen Katholikentag mit seinen 900 Veranstaltungen an fünf Tagen.
Mit ca. 74.000 Besucher*innen, darunter 23.000 Gäste mit Dauerkarten, 11.000 verkauften Tagestickets und ca. 40.000 Tagesgästen kamen mehr, als zuvor erwartet wurden. Neu waren „Mutmach“-Tickets für 25 Euro für Menschen im Alter von 14 bis 25 Jahren.
Auf den großen Podien wurden die Fragen von Frieden und Sicherheit, Gefährdungen der Demokratie, gesellschaftlicher Zusammenhalt, die Rolle sozialer Medien etc. diskutiert. Die Fragen von Krieg, Frieden und Sicherheit, darunter zwei Veranstaltungen zur Wehrpflicht, wurden neben den Fragen nach Gerechtigkeit, sozialem Zusammenhalt gegen soziale Polarisierung und Armut, Gefährdungen der Demokratie zu zentralen Fragen dieses Katholikentags.
Die Kirchen dachten nicht daran, wie Frau Klöckner vor Ort betonte, sich aus dem politischen Tagesgeschäft herauszuhalten, weil sie „keine weitere NGO“ sei. Dass zum Katholikentag keine AfD-Politiker eingeladen wurden, kommentierte sie nicht, meinte lediglich: “Es gibt durchaus Positionen bei der AfD, die ich schwierig finde, mit dem christlichen Menschenbild zu vereinen.” Bundeskanzler Friedrich Merz wurde von den jugendlichen Teilnehmer*innen ausgepfiffen – ähnlich wie zuvor beim DGB-Kongress –; die wachsende Distanz zur Politik der CDU war unübersehbar. Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik, die Angst vor Krieg, sozialem Abstieg und die Suche nach Halt, Orientierung und Alternativen waren auch am Stand der RLS zu spüren.
Natürlich spielte auf dem Katholikentag auch die Situation der Katholischen Kirche und in den Kirchen bis hin zum Synodalen Weg eine Rolle. Wie weiter, wie soll sich die Kirche als Minderheit in der Gesellschaft verorten? Auf mehreren Podien fanden Aussprachen zum Missbrauch der Kirchen statt – Aufarbeitung mit konkreten Konsequenzen wurde gefordert.
In allen Gesprächen war eine tiefe Verunsicherung der Menschen zu spüren, die Suche nach Halt und Orientierung auch im Glauben und in der Gemeinschaft von Gläubigen, die Wut und Unzufriedenheit mit der Politik, Angst vor dem weiteren Auseinanderdriften der Gesellschaft, Angst vor einem weiteren Rechtsruck, vor sozialem Abstieg angesichts drohender Reformen, Angst vor Krieg und globalen Zuspitzungen und dies verbunden mit Überlegungen, wie man müsse sich nun verteidigen müsse.
Diese Themen bzw. die Verunsicherung der Menschen spiegelten sich auch bei zahlreichen Standgesprächen und natürlich konkrete Fragen zur Rosa Luxemburg Stiftung:
Wer seid Ihr? Was hat Rosa Luxemburg mit dem Katholikentag zu tun? Gut, dass Ihr da seid! Habt Ihr was zu .Habt Ihr noch Beutel? Ich kenne Euren Theorie-Podcast. Eine 6jährige zeigte auf den Theoriepodcast-Beutel und erklärte wer Rosa Luxemburg ist, Ältere erklärten was ihre Kinder bei den Linken machen … Wir wurden gesehen, erkannt und gebraucht.
Veranstaltung der Rosa Luxemburg Stiftung zum Katholikentag
Aus Anlass des 100. Jahrestages der Gründung des Bundes Religiöser Sozialisten Deutschlands (BRSD) luden dieser und die RLS am 13.5.2026 zum Empfang ein ins Felix-Fechenbach-Haus in Würzburg. Der BRSD wurde 1926 von Sozialisten, Sozialdemokraten und Kommunisten gegründet. Folglich gehörten zu den Gastredner*innen Vertreter*innen der Linkspartei, der SPD und der Katholischen Kirche. Den Gastvortrag hielt Bodo Ramelow, Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Grußworte sprachen als Vertreter der katholischen Kirche Weihbischof Ulrich Boom, Diözese Würzburg, Ronja Endres, Landesvorsitzende SPD Bayern, Kerstin Griese, MdB, Staatssekretärin für Arbeit und Soziales.
Außerdem gab es ein musikalisches Programm mit „Lari und die Pausenmusik“ und Speisen und Getränken.
Über 100 Menschen hatten sich angemeldet, darunter zahlreiche Vertreter*innen aus katholischen Institutionen, u.a. auch katholische Arbeitnehmer-Bewegung, vom BDKJ (katholischer Jugendverband), vom Bund religiöser Sozialisten, Omas gegen Rechts, Diözesan-Komitee Würzburg Kolping, Katholikentat, Caritas, Pax Christi, Bonifatius-Werk, katholische Landjugendbewegung (KLB), Misereor, Bund katholischer Religionslehrer – alles in allem 75 Prozent der Besucher*innen aus dem katholischen Umfeld und 25% aus politischen Zusammenhängen inklusive Vertretern der Linkspartei.
Stand der RLS auf der Kirchenmeile und Standgespräche (Stand-Nummer: LF-A-14)
Die Rosa-Luxemburg-Stiftung konnte sich mit einem Stand auf der Kirchenmeile des Katholikentags, dort, wo auch zivilgesellschaftliche Organisationen und andere politische Stiftungen ihren Platz haben, im Bereich: Gesellschaftlicher Zusammenhalt (LF) mit ihren Gesprächsrunden und Publikationen präsentieren.
Bewährt haben sich auch am Stand der RLS auch auf diesem Katholikentag Interviews mit Politikern wie Bodo Ramelow, Vizepräsident des Bundestags, bei dem sich knapp 100 Menschen vor dem Zelt der RLS versammelten. Es ging um die Verteidigung der Demokratie und hierzu um den Schutz demokratischer Institutionen, beginnend bei der Verfassung bis hin zum Schutz einer demokratisch verfassten Zivilgesellschaft, zur Rolle von Kirchen und Religionsgemeinschaften im Kampf gegen die Rechtsausrichtung von Kirche und Gesellschaft und um Thüringer Politik.
Zu Gast am Stand der RLS diskutierten außerdem Martin Schirdewan und Özlem Demirel, die als Europaabgeordnete zum Europatag des Katholikentags eingeladen waren und über aktuelle europäische Entwicklungen sprachen. Auch hier vollziehe sich unter den Bedingungen von drei Rechtsfraktionen und den sich nicht klar abgrenzenden Konservativen ein deutlicher Rechtsruck nicht nur in der Migrationspolitik. So beschrieb Martin Schirdewan beschrieb die möglichen Folgen einer Reduzierung des EU-Haushaltes z. B. für die EU-Kohäsionspolitik – eines der wenigen sozial ausgleichenden Instrumente der EU. Özlem Demirel sprach über die Militarisierung der EU und deren ungebremste Aufrüstung.
Darüber hinaus gab es Gespräche über die Arbeit der Stiftung, insbesondere auch zum Studienwerk und hier über besondere Angebote wie „Lux Like Ausbildung“, das Stipendienprogramm für Azubis, zu Rosa Luxemburg und ihrem Verhältnis zu Religion und Kirche, zur Marxschen Religionskritik und zur „Gretchenfrage“ der Linken, zur Positionierung der Linken zu Krieg, Frieden und Sicherheit, zu gesellschaftlichen Alternativen. Präsentiert wurde von Professor Franz Segbers die VSA-RLS-Publikation: „Nicht wie Feuer und Wasser, Religion und Sozialismus: was wir von der Weimarer Zeit lernen können“. Zu unseren Gesprächspartnern zählte der Generalsekretär der Europäischen Bischofskonferenz (COMECE) – interviewt von der Vertreterin des Europäischen DIALOP-Projektes von Transform.
Zahlreiche Gespräche ergaben sich auch direkt mit Besucher*innen des Katholikentags, die die RLS bisher nicht kannten und wissen wollten, warum wir auf dem Katholikentag stehen, was uns wichtig ist, was Rosa Luxemburg mit Religion zu tun hat, wie wir zu Krieg und Frieden (vor allem in der Ukraine) stehen, zur Politik der Bundesregierung, welche Alternativen wir sehen und wie wir die durchsetzen wollen. Natürlich gab es auch Gespräche mit Besuchern, die die Arbeit der RLS kennen und schätzen, darunter den Theorie-Podcast.
Auch die Publikationen der Rosa-Luxemburg-Stiftung waren gefragt und auch hier das Interesse noch nie so groß wie auf diesem Katholikentag. Die Hälfte aller Broschüren, Papiere und Beutel war am Abend des ersten Tages verteilt.
Gefragt waren vor allem die Anti-Rassismus-Beutel, die gerne auch von älteren Frauen für Kinder und Enkel mitgenommen wurden und natürlich auch von jungen Frauen und Männern. Gezielt wurden die Theorie-Podcast-Beutel nachgefragt. Bei den Publikationen waren die „Renner“-Broschüren: Ungleichland, Wehrpflicht, die Materialien zur Pflege, zur Behindertenarbeit in leichter Sprache, der Abrüstungsatlas und der Atlas zur Migration. Gefragt wurde nach dem Verhältnis von Rosa Luxemburg zur Religion und hierzu nach ihrer Schrift „Kirche und Sozialismus“ von 1905.
Alles in allem – es war für die RLS ein anspruchsvoller und erfolgreicher Katholikentag, der es uns erlaubte viele Gespräche zu führen, zuzuhören, selbst zu lernen und zu verstehen, was die Besucher*innen bewegte nicht nur mit Blick auf den Event selbst. Es war ein Katholikentag, der keine Fragen oder Debatten ausklammerte, sondern auch Kontroversen und auch schwierige Themen wie die Reform der katholischen Kirche, die des sexuellen Missbrauchs zuließ und dafür vor Ort die Räume organisierte. Das war schon bemerkenswert, wie die Katholische Kirche sich als Reflektion- und Lernraum präsentierte.
So ist für uns als RLS zu hoffen, dass sich der nächste Evangelische Kirchentag vom 5. - 9. Mai in Düsseldorf – so wie der Katholikentag in Würzburg – sich wieder stärker als gesellschaftspolitischer Raum auch für notwendige gesellschaftliche Debatten öffnet, ohne notwendige Kontoversen wie in der Krieg-Frieden-Frage ausbalancierend weg zu moderieren.
Die RLS wird sich auf dem Markt der Möglichkeiten auf dem nächsten Evangelischen Kirchentag wieder gern mit ihren eigenständigen Angeboten einbringen.
Cornelia Hildebrandt
(1) AfD Baden-Württemberg (2025). Jetztmalehrlich. Unser Land verdient ein Comeback. Wahlprogramm zur Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg. S. 59
(2) U. a. Marietta Slomka, 17.5.26, 21.45 Uhr ZDF