9. Juni 2018 Workshop 40 Jahre Alhambra

Eine Einladung, Herbert Marcuses „Versuch über die Befreiung“ neu zu diskutieren

Information

Veranstaltungsort

Alhmabra
Hermannstr 83
26135 Oldenburg

Zeit

09.06.2018, 15:45 - 22:00 Uhr

Themenbereiche

Gesellschaftliche Alternativen

Zugeordnete Dateien

Angesichts der Ereignisse von 1968 erhob Marcuse seine These, dass trotz “objektiv“ oppositioneller Stellung zur Gesellschaft weite Teile der Bevölkerung über Konsum integriert sind. 10 Jahre später wird in Oldenburg das Aktionszentrum "Alhambra" eröffnet. Ziel war die Entwicklung nicht hierarchischer Selbstorganisation, die Initiierung und Umsetzung politischer Aktionen und Kulturen, die zu einer radikalen Veränderung der Gesellschaft beitragen sollten. Wir wollen den Aufsatz "Versuch über die Befreiung" neu lesen, um über die letzten und die kommenden 40 Jahre linker Befreiungsperspektiven nachzudenken.

Programm
15.45 Uhr: Linkes Forum: Einführung in das Buch "Versuch über die Befreiung" von Herbert Marcuse
16.45 Uhr: Vorträge und Diskussion
         LiFo Oldenburg Vertiefte Diskussion einzelner Aspekte aus Marcuses "Versuch über die Befreiung"
         Dr. T. Seibert (Frankfurt) Von Marcuse bis Deleuze/Guattari: Die freiwillige Knechtschaft und der Geist von '68
         Prof. R. Zimmering (Berlin): Autonome alternative Räume bei Marcuse und heute.
19.00 Uhr: Pause - Abendessen
20.00 Uhr: Podiumsdiskussion: Marcuse und die Perspektiven linker Politik zu Beginn des 21. Jahrhunderts
        mit Personen aus folgenden Gruppen/Parteien: Peter Meiwald (Die Grünen), Dr. Holger Onken (Die Linke), Florian (Aktivist, Berlin), Prof. R. Zimmering (Berlin), NN (Linkes Forum Oldenburg), Moderation: Dr. U. Schachtschneider
22.00 Uhr: Offene Alhambra Kneipe

Vor 50 Jahren, am 4. April 1968, wird Martin Luther King in den USA erschossen. Im gleichen Monat wird in Berlin auf Rudi Dutschke ein Attentat ausgeübt, an dem er später verstirbt. Im Mai erreicht der Protest in Frankreich mit einem wochenlangen Generalstreik seinen Höhepunkt. Ein Jahr zuvor findet die Hippiebewegung mit dem Monterey Pop Festival ihren Höhepunkt. Sie propagiert die große „Verweigerung“: des Wehrdienstes in Vietnam, der Lohnarbeit und des Konsums, generell der Übernahme bürgerlicher Normen. Zu Beginn der siebziger Jahre leben geschätzt 750.000 Menschen in Landkommunen in den USA, um mit neuen Formen solidarischer Ökonomie und Selbstverwaltung zu experimentieren. 
Angesichts dieser Ereignisse schreibt 1968 Marcuse den Aufsatz „Versuch über die Befreiung“. Seine These ist, dass weite Teile der Bevölkerung - trotz ihrer objektiv oppositionellen Stellung zur Gesellschaft - durch Konsum und Sozialisation nahezu ‚biologisch’ in die Gesellschaft integriert sind. Diese sei dabei in vielerlei Hinsicht obszön: in ihrer Konsumorientierung und Verschwendung, im Umgang mit Frauen, Schwarzen und insbesondere den Ländern der sog. 3. Welt, wo ein Großteil der Bevölkerung hungert. Gleichzeitig entwickle sich aber auch eine Reaktion der Scham auf diesen Zustand. In ihr komme eine „neue Sensibilität“ zum Ausdruck, die diese Obszönität nicht mehr ertrage. Getragen werde sie von Jugendlichen, Studen-tInnen, Ghetto-BewohnerInnen. Der Protest sei zwar hoffnungslos isoliert, doch gleichzeitig auch der einzig sichtbare Katalysator für eine Veränderung der Gesellschaft. Die Möglichkeit dazu bestehe, weil ein Stand der Produktivität erreicht sei, der Armut überflüssig mache. Die Verbindung von neuer Sensibilität und Ästhetik, als Gegenstück zur technischen Vernunft,
könne die Naturbeherrschung so grundlegend ändern, dass ein qualitativer Bruch in ihrer Geschichte denkbar sei. Noch aber seien die umstürzenden Kräfte zahlenmäßig so klein, dass sie weniger den gesellschaftlichen Machtzentren als der Polizei und der Justiz gegenüberstünden. 

10 Jahre später wird in Oldenburg das Alhambra eröffnet. Ziel des Aktionszentrums war die Entwicklung neuer Interaktionsformen und widerspenstiger Kultur, demokratischer Selbst-organisation und politischer Aktionen, die zu einer Veränderung der Gesellschaft beitragen. Der Grundkonsens basierte auf der Parteinahme für die Bevölkerung der Länder der sog. 3. Welt, für die Natur, d.h. gegen deren industrielle Ausbeutung, und für neue Formen alternativer Ökonomie. Der Funke der sechziger Jahre erreichte spätestens mit dem Alhambra auch Oldenburg, um in ihm für die nächsten Jahrzehnte einen Ort zu behalten. 

Vieles ist seit 1968 in den Ländern des Nordens erreicht worden. Die gesellschaftliche Stellung der Frauen hat sich derjenigen der Männer erheblich angeglichen. Offener Rassismus und Biologismus gehören nicht mehr zum Repertoire des herrschenden politischen Diskurses. Sexuell von der Norm abweichende Orientierungen werden heute weniger diskriminiert. Gleich geblieben ist dagegen die Kettung der Individuen an die Ansprüche des Produktionsprozesses und des „stan-desgemäßen“ Konsums. Die Arbeitshetze hat zugenommen, die Zahl der psychischen Krankheiten als Kehrseite ebenfalls. Lebensgeschichtliche Zeiten außerhalb von Arbeit werden gesellschaftlich bestraft: durch Hartz-IV Gesetzgebung, durch Rentensenkung und durch Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Eine scheinbare „Belohnung“ erfährt der Mann durch das Fahren eines wirtschaftlich und ökologisch schwachsinnigen SUVs und die Frau durch den Einkauf des 50. Paars Schuhe bei Zalando oder der Botoxspritze to go für die erste Stirnfalte. Das Wagnis provokativer Aktionen gegen die Gefahr einer ökologischen Katastrophe, die Ursachen der weltweit wachsenden Zahl von Flüchtlingen und scheiternden Staaten, die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich zieht dagegen schonungslose Sanktionen nach sich.
   
 
Anlässlich des 40. Geburtstags des Alhambras schlagen wir deshalb vor, den Aufsatz „Versuch über die Befreiung“ neu zu diskutieren. Folgende zugegeben noch sehr allgemeine Fragen könnten dabei bedeutsam sein:
Die „neue Sensibilität“ ist heute noch wirksam, zugleich aber hat sie ihre kritische Stellung eingebüßt, wenn es um Grundfragen der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion geht. Als obszön erlebt werden heute gerade noch die Praktiken der Fleisch- und Braunkohleindustrie, nicht aber mehr die unendliche Kapitalakkumulation Weniger, der zerstörerische Konsum Vieler und der Hunger von Hundertmillionen. Welche Gründe führen dazu, dass heute statt Obszönität Müdigkeit empfunden und statt praktiziertem Protest ein „Empört euch“ gerufen wird?
Neue Sensibilität entsteht laut Marcuse am ehesten, wenn Denken und Handeln nicht durch Lohnarbeit und Konsum gefesselt sind. Die vergangenen Schul-, Hochschul- und „Sozial“reformen (u. a. der Agenda 2010) haben ein Leben am Rande des Verwertungsprozesses verunmöglicht und Bildungsprozesse auf die „industrielle“ Produktion von Fachkräften reduziert. Gibt es Hoffnung auf ein Wiedererstarken von Denk- und Lebenszusammenhängen, eines neuen subjektiven Faktors, außerhalb der gesellschaftlichen Mainstreamveranstaltung?
Die enorme Migration von Wander-, Reinigungs- und Sorge-ArbeiterInnen in die ökonomischen Zentren der EU schafft im wachsenden Maße getto-ähnliche Strukturen in Dörfern und Städten. Marcuse sah in der aufständischen schwarzen Bevölkerung einen Bündnispartner für die große Verweigerung der eher weißen Jugendlichen und StudentInnen. Gibt es Anlass zur Hoffnung, dass die wachsende Gruppe der MigrantInnen die organisatorische Kraft zu eigenständigen Kämpfen z. B. in der Fleischindustrie oder der Pflege entwi-ckelt und dass die Formulierung von europaweiten Commons dabei einen umfassenden Bündnisrahmen liefert?
Informationen und Materialien zur Veranstaltung unter www.linkes-forum-oldenburg.de  

Eine Veranstaltung von Linkes Forum Oldenburg und Attac Regionalgruppe Oldenburg in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen.

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